Page 41 - Ärzteblatt Thüringen, Mai 2026
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Sexualisierte Kriegsgewalt ist System *
Heike Korzilius
Vor 80 Jahren endete der Zweite Welt-
krieg und hinterließ Millionen vergewal-
tigter Frauen und Mädchen. Im Bosnien-
krieg, der vor 30 Jahren zu Ende ging,
wurden Schätzungen zufolge bis zu
50.000 Frauen und Mädchen vergewal-
tigt, gefoltert oder sexuell versklavt. Das
Leid der Betroffenen blieb lange Zeit ein
gesellschaftliches Tabu. Die Hilfsorgani-
sation medica mondiale hat sich dem
Kampf gegen sexualisierte Kriegsgewalt
verschrieben, die in ihren Augen keine
Ausnahme ist, sondern ein System.
Im November 1992, wenige Monate nach
Beginn des Bosnienkrieges, berichtete
der „Stern“ über die Massenvergewalti-
gung bosnischer Frauen. Für Dr. Monika
Hauser gab das den Anstoß zu handeln.
Die damals 33-jährige Gynäkologin woll- Öffentlicher Protest: Mit der Kampagne „Keine Kriegsbeute“ macht medica mondiale auf Kriegs -
te helfen – und zwar vor Ort. Mitten im vergewaltigungen und ihre Folgen aufmerksam. Foto: Anna Verena Müller/medica mondiale.
Krieg gelang es ihr, gemeinsam mit ein-
heimischen Psychologinnen und Ärztin- dinnen geworden“, so Hauser. Manche ten Folgen der weltweit vorherrschen-
nen im bosnischen Zenica ein Therapie- der Klientinnen hätten sich später selbst den patriarchalen Strukturen mit ihren
zentrum und damit eine erste Anlaufstel- gegen sexualisierte Kriegsgewalt enga- Abhängigkeiten und ihrem Machtgefälle.
le für kriegsvergewaltigte Frauen und giert oder arbeiteten bis heute bei medi- medica mondiale verfolgte deshalb von
Mädchen zu eröffnen. Es war zugleich die ca mondiales Partnerorganisation Medi- Anfang an eine Doppelstrategie: auf der
Geburtsstunde der Frauenrechts- und ca Zenica. Die Kraft und der Mut vieler einen Seite die direkte Unterstützung der
Hilfsorganisation medica mondiale, die betroffener Frauen beeindruckten sie bis von Gewalt betroffenen Frauen, auf der
heute ihren Sitz in Köln hat und deren heute, sagt Hauser. Da sei zum Beispiel anderen Seite das Ziel, gesellschaftliche
Vorstandsvorsitzende Hauser ist. die Geschichte von Ajna, Tochter einer Veränderungen durch mehr Geschlech-
der ersten Klientinnen des Therapiezen- tergerechtigkeit zu erreichen. Sexuali-
Die Opfer werden stigmatisiert trums, einer Frau, die im Bosnienkrieg sierte Gewalt müsse als Unrecht aner-
vergewaltigt wurde. Auch dank der Un- kannt, sie müsse dokumentiert und ge-
„Der Bedarf an ganzheitlicher Unterstüt- terstützung von Medica Zenica habe sich ahndet werden, fordert die Organisation.
zung war damals unglaublich groß – und die Klientin damals für ihr Kind entschei- Denn die Folgen nicht bearbeiteter Trau-
ist es bis heute, denn noch immer wer- den können. Und diese Tochter habe als mata würden oft an Kinder und Enkelkin-
den gewaltbetroffene Frauen stigmati- erwachsene Frau selbst eine Organisati- der weitergegeben.
siert und erhalten nicht die gesellschaft- on gegründet, die sich für „Children born Seit Jahren rückt medica mondiale des-
liche Unterstützung, die sie brauchen“, of war“ einsetzt, für Kinder aus Kriegs- halb die lange tabuisierte sexualisierte
erklärt Hauser gegenüber dem Rheini- vergewaltigungen. Kriegsgewalt während des Zweiten Welt-
schen Ärzteblatt. Mit vielen Klientinnen krieges immer wieder in den Blick der
aus dem Therapiezentrum in Zenica, Vergewaltigung als Waffe Öffentlichkeit. Bis zu zwei Millionen
aber auch mit Fachfrauen der ersten Frauen und Mädchen wurden Schätzun-
Stunde steht sie noch immer in Verbin- Sexualisierte Kriegsgewalt ist aus Sicht gen zufolge allein in Deutschland am
dung. „Wir treffen uns bei Tagungen wie- von medica mondiale weder ein Phäno- Ende des Zweiten Weltkrieges von alli-
der oder sind über die Jahre enge Freun- men der neueren Zeit noch eine Ausnah- ierten Soldaten vergewaltigt. Dazu ka-
meerscheinung. Vergewaltigungen wür- men die Vergewaltigungen von Frauen
den in allen Kriegen systematisch als und Mädchen in den von der Wehrmacht
* Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um Waffe eingesetzt. Sie seien die „logi- und der SS besetzten Gebieten sowie die
einen geringfügig geänderten Nachdruck aus
dem Rheinischen Ärzteblatt 9/2025. sche“ Fortsetzung und eine der massivs- sexualisierte Gewalt in den Konzentrati-
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