Page 61 - Ärzteblatt Thüringen, Juli/August 2026
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Dorn im Auge. Er wollte vermindert hätte. Der britische Histori-
Heiner Barz: die Irrlehre, die sie in ker Richard Evans rubriziert das Ereig-
Robert Koch seinen Augen war, ent- nis von 1892 hämisch als „Pettenkofers
jenseits des larven. Dafür inszenierte letztes Gefecht“.
er dramaturgisch einen
Das letzte Gefecht dieses Mannes fand
Mythos Beweis – immerhin hatte dann tatsächlich knapp zehn Jahre
er sich vor seiner akade- später statt, als der alt gewordene und
mischen Karriere schon inzwischen schwer Erkrankte seinem
als Dichter, Sänger und Leiden mit einem Revolver ein Ende
Springer Nature 2025,
197 Seiten, Schauspieler versucht. setzen wollte – doch die Waffe versag-
ISBN: 978-3-662-70354-0, Und so machte er einen te. Aber Pettenkofers Entschluss stand
22,99 Euro Selbstversuch und trank fest. Und so ging er am 9. Februar 1901
vor Zeugen ein ganzes von seiner Dachstube in der königli-
Glas mit eigens aus Ber- chen Residenz die Stiegen hinunter zur
lin in Robert Kochs Insti- Straße, um sich einen neuen Revolver
tut bestellten Cholera- zu kaufen. Gegen 23 Uhr hörte man
Kontrolle oder Verbote des Verkehrs Bakterien. Wie er bereits vorausgesagt den tödlichen Schuss.
von Waren und Menschen abzielten. hatte, erkrankte er nicht ernstlich, son-
Obwohl sein lokalistischer Ansatz dern hatte nur ein paar Tage „starkes Der Autor
(„Miasma“-Theorie) inzwischen nicht Kollern“ im Gedärm. Über die Tage
mehr zum Tragen kommt, wird seine nach der Einnahme der Cholera-Bakte- Professor Dr. Heiner Barz ist Bildungs-
umfassende Perspektive bis heute ge- rien hatte er akribisch Buch geführt. forscher am Institut für Sozialwissen-
würdigt. Etwa vom Pettenkofer-Biogra- schaften der Heinrich-Heine-Universi-
phen Wolfgang Locher, der 2018 Stuhlgang ohne auffällige tät Düsseldorf. Einer seiner Arbeits-
schrieb: „Auch wenn Pettenkofer mit Konsistenz schwerpunkte sind Themen an der
seiner Choleratheorie falsch lag, so hat Schnittstelle von Bildung, Gesundheit
er zur Seuchenbekämpfung doch das „Um 11 Uhr wieder Stuhlgang, Consis- und Medizin.
Richtige vorgeschlagen. Sein Plädoyer tenz und Farbe wie um 7! Uhr. Das Gur-
für einen sauberen Boden und eine ren dauerte an. – Um 1 Uhr ass ich aus- Prof. Dr. phil. Heiner Barz
saubere Umwelt führte in zahlreichen serhalb meiner Wohnung bei Verwand- Düsseldorf
Städten zum Ausbau einer modernen ten Grünkernsuppe, Hühnerragout mit
wasserwirtschaftlichen Infrastruktur. Pasteten, Salzburger Nockerln, Rindsfi-
[…] Städte wie München, Lübeck, Halle letbraten mit Kartoffeln und Selleriesa-
und Danzig waren unter den ersten, die lat, Maccaroni, 1 Salzstängelchen,
seinem Ruf nach sauberen Städten Trauben, Mokkakaffee und trank 2 Glas
folgten und sanitäre Reformen einläu- Rüdesheimer Weisswein und 4 Glas
teten.“ Champagner.“
Dieses Experiment trieb die Koch-Jün-
Mit Pettenkofer kam die ger offensichtlich in die Defensive: Sie
Kanalisation erfanden unterschiedlichste Erklärun-
gen, um Pettenkofers Selbstversuch zu
Zum Hintergrund: Pettenkofer führte entkräften. Eine Widerlegungsbemü-
vielerlei Experimente mit Kleidung, hung behauptete gar, Koch habe Pet-
Heizung, Lüftung sowie Kanalisation tenkofers Absicht schon geahnt und
durch und leitete daraus Ergebnisse für deshalb extra harmlose Bazillen ge-
die soziale Hygiene und Gesundheits- schickt. Andere sagen, Pettenkofer sei
technik ab, die schließlich auch bei der aufgrund einer früheren Cholera-Er-
Sanierung der Stadt München zum Ein- krankung immun gewesen oder einer
satz kamen. München verdankt ihm seiner Studenten hatte den Cholera-
also die zentrale Trinkwasserversor- Cocktail als Vorsichtsmaßnahme vorab
gung und die Kanalisation und galt Ende abgekocht. Andere bemühten psycho-
des 19. Jahrhunderts als eine der sau- somatische Erklärungsversuche, wie
bersten Städte Europas. Pettenkofer sei aufgeregt gewesen,
Pettenkofer war der kontagionistische weshalb eine Überproduktion von Ma-
Ansatz der Kochianer nach wie vor ein gensäure die Wirksamkeit der Erreger
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