Page 74 - Ärzteblatt Thüringen, Juli/August 2026
P. 74
Personalia
F O RU M
Nachruf auf Professor
Dr. Ingo Gastinger
Mit großer Trauer nehmen wir Abschied meinsam mit zahlreichen engagierten
von Professor Dr. Ingo Gastinger, der Kolleginnen und Kollegen die Suhler
am 1. März 2026 verstorben ist. Mit ihm Chirurgie zu einem überregional aner-
verliert die deutsche und insbesondere kannten Zentrum mit hoher fachlicher
die ostdeutsche Chirurgie eine heraus- Reputation und starkem wissenschaft-
ragende ärztliche Persönlichkeit, einen lichen Profil.
visionären Wissenschaftler und einen Die Jahre in Suhl waren geprägt von
leidenschaftlichen Lehrer. medizinischem Aufbruch, struktureller Als seine Nach-Nachfolgerin als Chef-
Professor Gastinger prägte über Jahr- Modernisierung und der konsequenten ärztin der Chirurgie in Suhl durfte ich
zehnte die Allgemein- und Viszeralchir- Förderung chirurgischer Qualität. Pro- erleben, welche nachhaltigen Spuren
urgie in Thüringen und weit darüber hi- fessor Gastinger verstand es in beson- sein Wirken hinterlassen hat. Professor
naus. Nach seinem Medizinstudium in derer Weise, klinische Exzellenz mit Gastinger verstand Chirurgie nie allein
Leipzig führte ihn sein beruflicher Weg wissenschaftlichem Denken zu verbin- als operatives Handwerk. Früh erkann-
über Meiningen und die Berliner Charité den. Unter seiner Leitung wurden mo- te er die Bedeutung einer systemati-
nach Bad Berka und schließlich im Jahr derne operative Verfahren etabliert, schen Qualitätssicherung in der Chirur-
1980 nach Suhl. An der Charité war er interdisziplinäre Strukturen ausgebaut gie und entwickelte gemeinsam mit
Schüler von Professor Wolf, dessen chi- und eine generationenprägende Wei- seinem langjährigen Weggefährten Pro-
rurgische Schule und wissenschaftliche terbildungskultur geschaffen. Viele Kol- fessor Hans Lippert wegweisende Kon-
Prägung seinen weiteren beruflichen leginnen und Kollegen erinnern sich an zepte, insbesondere auf dem Gebiet
Weg nachhaltig beeinflussten. In Suhl einen Chef mit hohen Ansprüchen, gro- der onkologischen Qualitätssicherung,
wirkte er zunächst als Oberarzt und ßer Disziplin und analytischer Klarheit, die bundesweit und international Be-
später als Chefarzt der Klinik für Chirur- zugleich aber auch an einen verlässli- achtung fanden. Beide verband nicht
gie. Bis zu seinem Wechsel nach Cott- chen Förderer mit feinem Humor und nur eine enge wissenschaftliche Zu-
bus im Jahr 1997 entwickelte er ge- menschlicher Zugewandtheit. sammenarbeit, sondern auch das ge-
meinsame Ziel, chirurgische Qualität
transparent messbar zu machen und
Versorgungsstrukturen nachhaltig zu
verbessern. Zahlreiche gemeinsame
Projekte, wissenschaftliche Publikatio-
nen, Kongresse und die engagierte Ar-
beit in chirurgischen Fachgesellschaf-
ten trugen wesentlich dazu bei, moder-
ne Qualitätssicherung in der deutschen
Chirurgie zu etablieren. Seine wissen-
schaftliche Arbeit war vielfach ihrer
Zeit voraus.
Prägendes Wirken in Cottbus
Besonders prägend war auch sein Wir-
ken in Cottbus, wo er von 1997 bis
2009 als Chefarzt der Chirurgischen
Klinik des Carl-Thiem-Klinikums tätig
war. Dort setzte er sich mit großer
Weitsicht für die akademische Entwick-
Ein Bild aus vergangenen Zeiten zeigt eine minimalinvasive Operation eines Mastdarmvorfalls lung der Medizin in der Lausitz ein. Auf-
einer jungen Frau am Suhler Zentralklinikum. Dr. Werner Krause, Professor Ferdinand Körker- bauend auf den Erfahrungen des ge-
ling, Dr. Bernd Schneider und Professor Ingo Gastinger bei dem sechs Stunden und 25 Minuten meinsam mit Hans Lippert etablierten
dauernden operativen Eingriff (von links). Foto: Erwin Stöhr. AN-Instituts für Qualitätssicherung in
74 ÄRZTEBL AT T THÜRINGEN • 7-8/2026

