Page 51 - Ärzteblatt Thüringen, Mai 2026
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Personalia
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          Nachruf für Dr. Margit Julia Venner





          Mit  großer  Trauer  und  tiefer  Dankbar-  Kenntnisse bei vielen Patienten nichts
          keit nehmen wir Abschied von Dr. Margit   nützten. Besonders die Geschichte ei-
          Julia Venner, die am 10. März 2026 im   ner  jungen  Frau,  deren  Leiden  sich
          89. Lebensjahr verstorben ist.    nicht  allein  körperlich  erklären  ließ,
                                            wurde  für  sie  zu  einem  Wendepunkt:
          Ihr Lieblingsspruch, der ihr Wesen und   Sie begann zu begreifen, dass man den
          ihr  Lebenswerk  auf  besondere  Weise   Menschen  in  seiner  Lebenssituation
          einfängt, lautete:                verstehen muss, nicht nur die körperli-
                                            chen Symptome.
                 Brücken machen             Ihr damaliger Chef erkannte, dass die-
               Abgründe begehbar,           se  sonderbare  Kollegin  Antworten
                                            brauchte,  die  er  nicht  geben  konnte,
             Brücken wachsen nicht,         und  schickte  sie  zu  seinem  ähnlich
            sie müssen gebaut werden,       „sonderbaren“  Studienkollegen,  Ger-
            dazu braucht es Menschen.       hard Klumbies, nach Jena. Dieser hatte
                                            1951 mit Hellmuth Kleinsorge die Psy-
                                            chotherapie-Abteilung  der  Medizini-
          Margit Venner war eine solche Brücken-  schen Poliklinik eröffnet, eine der ers-
          bauerin.                          ten  in  der  DDR.  So  kam  sie  1965  als   Deutschlands  interessiert.  Dabei  be-
          Sie gehörte der Generation der Kriegs-  Ausbildungsassistentin  nach  Jena  an   merkte  sie  schnell,  dass  überall  nur
          kinder an. 1937 in Osterode in Ostpreu-  die  Medizinische  Poliklinik  –  „eine   „mit Wasser gekocht“ wird. Sie hat seit
          ßen  als  Älteste  von  zwei  Kaufmanns-  glückliche  Fügung“,  wie  sie  oft  sagte.   1990 viele Vorträge und Workshops in
          töchtern  geboren,  1944  dramatische   Hier fand sie in der Psychotherapie ihre   den  alten  Bundesländern  über  die  im
          Flucht mit Mutter, Großmutter und der   eigentliche  berufliche  Heimat.  Über   Osten gewachsene Psychotherapie und
          kleinen  Schwester  nach  Dresden,  das   viele Jahre hinweg prägte sie die Abtei-  Psychosomatik  gehalten,  sich  mutig
          gerade völlig zerstört worden war. 1946   lung entscheidend, seit 1985 als deren   Auseinandersetzungen gestellt und da-
          Verhaftung  des  kurz  vorher  aus  dem   Leiterin bis zu ihrer Pensionierung.  mit viel für das gegenseitige Kennen-
          Krieg heimgekehrten Vaters – auf offe-  Margit  Venners  Anliegen  war  es  auch   und Verstehenlernen zwischen Ost und
          ner  Straße,  auf  Nimmerwiedersehen   hier,  Brücken  zu  bauen  zwischen  den   West beigetragen. Ihre klare, sichere,
          und ohne je eine verlässliche Nachricht.   Fachgebieten Innere Medizin und Psy-  kritische Haltung, verbunden mit inne-
          Sie hat viel Unsicherheit und Bedrohung   chotherapie. Die Abteilung für Internis-  rer Unabhängigkeit, machte sie für vie-
          in ihrer Kindheit erlebt, und die Brücken   tische  Psychotherapie  war  ab  1984   le  zu  einer  wichtigen  Orientierung  in
          zu vertrauten Menschen waren das ein-  fester Bestandteil der Klinik für Gast-  diesen  bewegten  Zeiten.  Sie  wurde
          zig Verlässliche.                 roenterologie  der  Friedrich-Schiller-  rasch  in  mehrere  Fachgesellschaften,
          Ihr Wunsch, Ärztin zu werden, entstand   Universität  Jena,  auch  wenn  immer   wie das „Deutsche Kollegium für Psy-
          früh  und  blieb  unbeirrbar.  Trotz  politi-  wieder Missverständnisse und Schwie-  chosomatische  Medizin“  (DKPM),  auf-
          scher Schwierigkeiten wegen ihrer Zu-  rigkeiten  aufgrund  der  unterschiedli-  genommen  und  in  den  Vorstand  ge-
          gehörigkeit  zur  Jungen  Gemeinde  be-  chen  Denkweisen  und  Behandlungs-  wählt.
          stand sie das Abitur und ging ihren Weg   konzepte auftraten.
          mit  großer  Entschlossenheit.  In  den   Mit der Maueröffnung wurde auch der   Als Gründungsmitglied des psychoana-
          ersten Jahren nach dem Studium in der   Brückenschlag von Ost nach West und   lytischen Instituts in Jena hat sie des-
          Oberlausitz  in  Herrnhut  lernte  sie  ein   von  West  nach  Ost  möglich.  Sie,  die   sen  Entwicklung  entscheidend  mitge-
          breites  Spektrum  ärztlicher  Tätigkeit   schon  früh  erfahren  hatte,  dass  Tau-  staltet und maßgeblich dazu beigetra-
          kennen: Schwangerenberatung, Gebur-  sendjährige Reiche zusammenbrechen,   gen, dass das Institut Anschluss an die
          ten, Schuluntersuchungen, Warzen be-  ließ  sich  durch  den  Zusammenbruch   Deutsche Gesellschaft für Psychoana-
          sprechen,  EKGs  auswerten,  Platzwun-  der  DDR  nicht  einschüchtern.  Schon   lyse,  Psychotherapie,  Psychosomatik
          den nähen, Achillessehnen flicken, Ge-  seit 1987 gab es Kontakte zu Analyti-  und  Tiefenpsychologie  (DGPT)  fand.
          wehrkugeln  entfernen  –  es  gibt  viele   kern in Heidelberg, die nach 1989 in-  Über viele Jahre hinweg engagierte sie
          atemberaubende Geschichten.       tensiviert  wurden.  Margit  Venner  ist   sich in verantwortlicher Position für die
          Die  frischgebackene  Ärztin  stellte  je-  viel gereist und hat sich für die Psycho-  Lehre und für die berufspolitische Ver-
          doch bald fest, dass die medizinischen   therapie-Situation  im  anderen  Teil   ankerung des Instituts.




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