Page 37 - Ärzteblatt Thüringen, Juli/August 2026
P. 37

S CH W E R PU NK T




          Arzneimittelreaktionen sicher

          einordnen: Soforttyp, Spättyp

          und Warnzeichen im klinischen

          Alltag



          Laine Ludriksone-Grasser, Jörg Tittelbach



          Warum Arzneimittelreaktionen      anhand zweier Aspekte zuverlässig
          im Alltag relevant sind           strukturieren: zeitlicher Zusammenhang   Dr. Laine Ludriksone-Grasser
                                            und klinischer Schweregrad.
          Unerwünschte Reaktionen auf Arznei-
          mittel  sind  im  klinischen  Alltag  häufig.   Wann traten die Symptome auf?
          Ein relevanter Teil der Patientinnen und   Soforttypreaktionen manifestieren sich
          Patienten gibt an, auf bestimmte Medi-  typischerweise  innerhalb  von  Minuten,
          kamente „allergisch“ zu reagieren. In der   meist innerhalb der ersten Stunde nach
          Mehrzahl der Fälle liegt jedoch keine im-  Einnahme oder Applikation; in Einzelfäl-
          munologisch vermittelte Arzneimittelal-  len kann das Zeitfenster bis etwa sechs
          lergie vor, sondern eine vorhersehbare   Stunden betragen. Pathogenetisch kom-
          Nebenwirkung, ein dosisabhängiger   men  IgE-vermittelte  Mechanismen
          pharmakologischer Effekt oder ein un-  ebenso infrage wie nicht-IgE-vermittelte
          spezifisches Begleitphänomen, etwa im   Sofortreaktionen, etwa durch direkte
          Rahmen eines Infektes.            Mastzellaktivierung.
          Diese Differenzierung ist klinisch be-  Spättypreaktionen treten bei Erstsensi-
          deutsam. Ein unzutreffend vergebenes   bilisierung häufig nach mehreren Tagen   Dr. Jörg Tittelbach
          Allergielabel – insbesondere bei Beta-  auf (typischerweise 4–14 Tage). Bei er-
          laktamantibiotika oder Analgetika – führt   neuter Exposition nach vorausgegange-
          häufig  zu  Ausweichverordnungen  mit   ner Sensibilisierung kann die Latenz   Demgegenüber sind potenziell lebens-
          ungünstigerem Wirkprofil, erhöhtem Ne-  deutlich kürzer sein und wenige Stunden   bedrohliche Verläufe gekennzeichnet
          benwirkungsrisiko und langfristig, insbe-  bis Tage betragen. Bei schweren Sonder-  durch eine Anaphylaxie mit Atemwegs-,
          sondere bei Antibiotika, auch zu einer   formen wie dem DRESS-Syndrom oder   Kreislauf- oder multipler Organbeteili-
          Förderung von Resistenzentwicklungen.   dem Stevens-Johnson-Syndrom bzw.   gung bei Soforttypreaktionen sowie
          Umgekehrt können echte Arzneimittelal-  der toxischen epidermalen Nekrolyse   durch Schleimhautbefall, ausgeprägten
          lergien bei erneuter Exposition schwer-  kann die Latenz mehrere Wochen umfas-  Hautschmerz,  Fieber,  Gesichtsödem
          wiegende oder lebensbedrohliche Ver-  sen. Diese Reaktionen sind überwiegend   oder Organbeteiligung bei Spättypreak-
          läufe nehmen.                     T-Zell-vermittelt.                 tionen.
          Ziel dieses Beitrages ist es, eine pragma-  Das zeitliche Intervall zwischen Medika-  Der klinische Schweregrad entscheidet
          tische, klinisch orientierte Systematik zur   mentengabe und Symptombeginn ist ein   über die Dringlichkeit des Vorgehens. Bei
          Einordnung, Triage und zum weiteren   zentrales Kriterium für die pathogeneti-  Verdacht auf eine schwere Reaktion ist
          Vorgehen von Arzneimittelreaktionen im   sche Einordnung und bestimmt maßgeb-  das auslösende Medikament umgehend
          ambulanten und stationären Alltag dar-  lich die Auswahl weiterführender diag-  abzusetzen und eine stationäre Abklä-
          zustellen. Im Vordergrund steht die si-  nostischer Verfahren. Für die individuelle   rung  einzuleiten.  Bei  milden  Verläufen
          chere Identifikation gefährlicher Verläu-  Risikoabschätzung bei erneuter Exposi-  ohne Warnzeichen ist eine präzise Doku-
          fe bei gleichzeitiger Vermeidung unnöti-  tion ist es hingegen nur eingeschränkt   mentation essenziell, um im Verlauf eine
          ger medikamentöser Einschränkungen.  aussagekräftig.                 differenzierte Abklärung zu ermöglichen.
          Grundsystematik: zwei zentrale    Wie schwer ist die Reaktion?       Warnzeichen schwerer Arzneimittel-
          Fragen zur ersten Einordnung      Ungefährliche Reaktionen äußern sich   reaktionen (Red Flags)
                                            typischerweise als isolierte Hautsymp-  Bestimmte klinische Muster sprechen für
          Unabhängig vom auslösenden Medika-  tome, etwa makulopapulöse Exantheme,   schwere, potenziell lebensbedrohliche
          ment lassen sich Arzneimittelreaktionen   ohne Allgemein- oder Organbeteiligung.   Arzneimittelreaktionen. In diesen Situa-




                                                                               ÄRZTEBL AT T THÜRINGEN • 7-8/2026  37
   32   33   34   35   36   37   38   39   40   41   42