Page 30 - Ärzteblatt Thüringen, Juli/August 2026
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etwa 1,4 bis 3,8 Prozent. Im frühen Kin- Lebensqualität im Zusammenhang mit
desalter zählen Kuhmilch und Hühnerei Nahrungsmittelallergie; (E) wirtschaftli-
zu den häufigsten Auslösern. che Auswirkungen der Nahrungsmit-
Bei Erwachsenen in Deutschland liegt telallergie. Anhand des DEFASE-Sco-
die Prävalenz von Nahrungsmittelallergi- ring-Systems kann der Schweregrad der
en auf Basis ärztlicher Diagnosen und Nahrungsmittelallergie einer Patientin/
bevölkerungsbasierter Survey-Daten bei eines Patienten in das Vorliegen einer
ungefähr 3,7 bis 4,7 Prozent (Lebenszeit- milden, mittelschweren oder schweren
prävalenz). Diese Schätzungen umfassen Nahrungsmittelallergie unterteilt wer-
sowohl persistierende Allergien aus der den (Punktzahl: ≤ 6 leicht; 7–12 mittel-
Kindheit als auch im Erwachsenenalter schwer; ≥ 13 schwere Nahrungsmit-
neu erworbene Allergien. Als häufige Abb. 2. Urtikarielle Quaddeln telallergie) (Tabelle 1 und 2).
Auslöser werden u. a. Nüsse, Obst, Ge- (Fotogenehmigung bei Autoren). Ein besonderes, bislang wenig beachte-
müse (häufig im Kontext pollenassoziier- tes Symptom ist ein imperativer Schlaf-
ter Kreuzreaktivität), Weizen sowie Scha- zwang bzw. eine ausgeprägte Somno-
len- und Krustentiere beschrieben. Ins- bildung 2) und Angioödeme; häufig tre- lenz im Rahmen allergischer Soforttyp-
gesamt erscheint die Prävalenz in ten zusätzlich gastrointestinale Be- reaktionen. Dieses Symptom wurde
Deutschland über das vergangene Jahr- schwerden (insbesondere Erbrechen, insbesondere bei Kindern mit atopi-
zehnt hinweg eher stabil. Diarrhö, Bauchschmerzen) sowie respi- schem Ekzem beschrieben und scheint
Der natürliche Verlauf ist allergen- und ratorische Symptome (Husten, Giemen, häufiger mit moderaten bis schweren
altersabhängig: Frühkindliche Allergien, Stridor, Dyspnoe) auf. Schwere Reaktio- Reaktionen assoziiert zu sein.
insbesondere gegen Kuhmilch und Hüh- nen können sich bei Kindern insbeson-
nerei, zeigen häufig eine Spontanremis- dere durch persistierenden Husten und Klinische Manifestationen im
sion, während Allergien gegen Erdnuss Atemnot manifestieren, während kar- Erwachsenenalter
und Baumnüsse eher persistieren. Zu- diovaskuläre Zeichen im Vergleich zu Bei Erwachsenen ist das klinische Bild
dem ist zwischen Sensibilisierung und Erwachsenen insgesamt seltener im häufig durch das orale Allergiesyndrom
klinisch relevanter Allergie zu unter- Vordergrund stehen. (Pruritus, Kribbeln und milde Schwellung
scheiden. Sensibilisierungen können Neben IgE-vermittelten Soforttypreak- im Oropharynx) im Kontext pollenasso-
dabei deutlich häufiger sein als klinisch tionen sind im pädiatrischen Kollektiv ziierter Kreuzreaktivität geprägt. Bei be-
manifeste Allergien. Das Allergenspek- nicht-IgE-vermittelte Entitäten (z. B. stimmten Allergenkomponenten sind
trum unterscheidet sich regional und Nahrungsmittelprotein-induziertes En- jedoch auch systemische Verläufe mög-
altersabhängig: In Nord- und Mitteleu- terokolitis-Syndrom, FPIES) sowie die lich. Bei schweren Reaktionen treten
ropa dominieren u. a. Erdnuss, Hühner- klinische Relevanz einer Beteiligung kardiovaskuläre Symptome (Schwindel,
ei und birkenpollenassoziierte Nah- bzw. Verschlechterung einer atopischen Hypotonie, Synkope) im Vergleich zum
rungsmittelallergien, während in Süd- Dermatitis vergleichsweise bedeutsam. Kindesalter häufiger auf. Gastrointesti-
europa Lipid-Transfer-Protein(LTP)-as- Systemische Reaktionen bis hin zur nale Symptome sind demgegenüber
soziierte Allergien häufiger sind und Anaphylaxie können bereits durch ge- nicht zwingend führend. Häufige Auslö-
teils schwerer verlaufen. ringe Allergenmengen ausgelöst wer- ser im Erwachsenenalter sind u. a. Scha-
den. Für die strukturierte klinische Ein- lentiere/Fische, Erdnüsse, Baumnüsse
Klinische Symptomatik schätzung sind standardisierte Kriterien sowie bestimmte Früchte und Gemüse
zur Schweregradbeurteilung essenziell. (häufig kreuzreaktiv, Abbildung 3). Neu
Die klinische Präsentation von Nah- Zur besseren Einschätzung des Krank- auftretende Nahrungsmittelallergien im
rungsmittelallergien unterscheidet sich heitsausmaßes wurde mit DEFASE (De- Erwachsenenalter sind möglich und ten-
zwischen Kindern und Erwachsenen in finition of Food Allergy Severity) erst- dieren zur Persistenz. Hierzu zählen
zentralen Aspekten (Symptomdomi- mals ein standardisiertes System zur auch verzögert einsetzende Reaktionen
nanz, Risikoprofil schwerer Reaktionen, Schweregradbeurteilung von IgE-ver- (z. B. im Rahmen des Alpha-Gal-Syn-
Allergen- und Mechanismenspektrum) mittelten Nahrungsmittelallergien etab- droms).
und hat unmittelbare Konsequenzen für liert, das neben der Reaktionsschwere Eine besondere Rolle spielen Nahrungs-
Diagnostik, Risikostratifizierung und auch Lebensqualität und Auslösedosis mittelallergien im beruflichen Kontext.
Management. berücksichtigt. Die Beurteilung erfolgt Hier dominieren kutane und respiratori-
anhand von fünf Bereichen: (A) akute sche Manifestationen wie Kontakturti-
Klinische Manifestationen im Symptome/Symptome bei früheren Re- karia, Proteinkontaktdermatitis oder
Kindesalter aktionen; (B) Minimaltherapie zur Be- Berufsasthma. Beruflich bedingte Nah-
Im Kindesalter dominieren kutane Sym- handlung der schwersten Reaktion; (C) rungsmittelanaphylaxien sind selten,
ptome wie Urtikaria und Juckreiz (Ab- individuelle Auslösedosis; (D) aktuelle jedoch beschrieben.
30 ÄRZTEBL AT T THÜRINGEN • 7-8/2026

